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am 6. April

Barrierefreiheit - brauch ich das?

Lisa Nina Kauba - Barrierefreiheit ist uns wichtig. Weshalb wir alle davon profitieren und Mobilitätsgerechtigkeit im öffentlichen Raum kein individuelles Problem ist.

"Treffen wir uns um 4!" schlage ich einer Freundin vor.

"Nein, geht nicht."

"Warum nicht?"

"Ich komm erst um halb 4 von daheim weg. Und ich muss mit dem Rollstuhl auf eine barrierefreie Bim warten. Das dauert bis zu 20 Minuten…" erklärt sie mir, sichtlich durch ihre Erfahrungen desillusioniert.

"Das kann doch nicht sein!" sage ich, geprägt von meinem Privileg, funktionierende Beine zu haben.

Es ist aber so. Als wir uns endlich treffen, beobachte ich meine Freundin, wie sie ihre Wege auf den Zentimeter genau plant, sobald sie einen Platz betritt. Sie scannt die Umgebung, auf Gehsteigbreite, Hindernisse, Gehweg-Absenkungen und Straßenbahnschienen. Sie sucht den Weg, der sie am wenigsten Kraft kosten wird, aber vermutlich viel Zeit. Dann erst fährt sie los. Ich folge ihr gehend. Und trotz präziser Planung braucht sie meine Hilfe, um auf einen Gehsteig hinaufzukommen, der nicht ausreichend abgesenkt wurde. Eine unnötige Barriere im öffentlichen Raum. Ich bin frustriert, sie ist es gewohnt. Denn das ist die Lebensrealität von vielen Menschen mit Mobilitätseinschränkungen.


Der öffentliche Raum ist für uns alle da


Weder Mobilitätseinschränkungen noch andere Behinderungen und Einschränkungen sollten ausschlaggebend sein, ob wir uns gefahrlos und selbstbestimmt im öffentlichen Raum bewegen können. Denn der öffentlich Raum ist für die Menschen da, und sollte sich ihnen anpassen, nicht umgekehrt. Und doch werden Menschen mit Behinderungen fast täglich mit Zeit und Kraft zehrenden Hindernissen konfrontiert, die viele Menschen ohne Behinderungen oftmals gar nicht wahrnehmen. Und genau darin liegt das Privileg.

Wichtig dabei ist anzuerkennen, dass "das Verständnis von Behinderung sich ständig weiterentwickelt und dass Behinderung aus der Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren entsteht, die sie an der vollen und wirksamen Teilhabe an der Gesellschaft, auf der Grundlage der Gleichberechtigung mit anderen, hindert". (FN: UN-Behindertenrechtskonvention, Präambel, e)) Behinderung ist also ein Zustand, der auch mit der Gestaltung der Außenwelt zusammenhängt. Es mag sein, dass Menschen körperliche oder geistige Einschränkungen haben, doch wir als Gesellschaft haben die nötigen technischen Mittel, um unsere Umgebung für die Betroffenen barrierefrei zu gestalten.


Universelles Design


Barrierefreie Gestaltung entsprechend universellem Design (FN: UN-Behindertenrechts­konvention, Artikel 2) beinhaltet die Planung und Gestaltung von Umgebung, Produkten und Dienstleistungen, sodass diese für alle Menschen ohne zusätzliche Anpassung nutzbar sind. Ganz konkret bedeutet das, dass der Gehsteig niedrig genug gebaut sein muss, für Menschen mit Rollstühlen oder Gehhilfen, aber hoch genug, um für Menschen mit Langstock ("Blindenstock") als Orientierungshilfe zu dienen. Es bedeutet, dass eine Ampel sowohl Licht-, als auch Ton-Signale aussendet. Und dass Gehwege und Straßen so gebaut sind, dass sie genug Platz und Orientierungshilfen bieten, um für alle Menschen sicher nutzbar zu sein.


Ein systemisches Problem erfordert systemische Lösungen


Von universellem Design profitieren tatsächlich alle Menschen. Denn Barrieren und Behinderungen im öffentlichen Raum haben viele Ursachen und früher oder später sind wir alle davon betroffen. Ob nun altersbedingt (Kindheit; oder hohes Alter, indem die Sinne und Gelenke langsam nachgeben), aufgrund von Verletzungen (z.B. ein verletztes Bein, das die Mobilität einschränkt), Krankheiten, Schwangerschaft, Kreislaufprobleme, oder einfach nur, weil man gerade einen schweren Großeinkauf nach Hause schleppt, oder mit Kinderwagen unterwegs ist. Dies alles sind häufige Lebensrealitäten, die für uns erfahrbar machen, wo unsere städtische Umwelt uns noch Hindernisse aufstellt​

Auf so ein Hindernis zu stoßen ist kein individuelles Problem, oder gar subjektive Verantwortung. Es ist ein systemisches Problem, und unser aller Verantwortung. Die Zeit und Energie, welche die Betroffenen aufwenden müssen, um diese alltäglichen Barrieren zu überwinden, sollte eigentlich von jenen aufgebracht werden, die unseren öffentlichen Raum planen. Und dafür ist es wichtig, möglichst viele verschiedene Menschen mit verschiedenen Lebensrealitäten, inklusive Behinderungen, in den Planungsprozess miteinzubinden. Sodass dann so triviale Dinge wie Einkaufen, der Weg zur Arbeit und nach Hause, oder ein Spaziergang im Park, so einfach und problemlos wie möglich funktionieren. Und uns allen mehr Zeit und Energie für das bleibt, was uns wirklich wichtig ist, wie Freunde, Hobbies und Familie.


Interessante Links zu dem Thema:

​Die UN-Behindertenrechtskonvention auf Deutsch

Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz

Sozialministerium, Themenprotal Barrierefreiheit

Barrierefreie Stadt Wien